Mittwoch, 12. Mai 2010

Mobbing - das Verbrechen am Arbeitsplatz


Mobbing hat in der Schweiz Hochkonjunktur. Grossfirmen wie ABB, Ciba und "Winterthur" haben das Ausmass des Problems erkannt und unternehmen Präventionsanstrengungen. Denn Mobbing geht für sie ins Geld.

Pierrette S.*, die Chefin der Physiotherapie am Kantonsspital Altdorf, war am Ende ihrer Kräfte, als sie sich am 17. Februar dieses Jahres in der Toilette neben ihrem Arbeitsplatz erhängte. Für ihre langjährige Lebenspartnerin Ruth K.* war die Wahl des Ortes kein Zufall: "Damit wollte Pierrette ein Zeichen setzen. Denn das jahrelange Kesseltreiben, dem sie bei der Arbeit ausgesetzt war, hat sie zermürbt." Entsprechend fiel die Todesanzeige aus: "Möge das Unrecht, das dir angetan wurde und dein Leben kostete, im Diesseits gesühnt werden."

Im Urner Spital sieht man den Fall ganz anders. Mit Mobbing, heisst es, habe das "klar nichts zu tun." Frau S. habe es "einfach nicht verkraftet, dass man sie wegen mangelnder Führungsqualitäten von der Leitung der Physiotherapie entbinden musste."

Ruth K. bestreitet nicht, dass ihre Freundin sehr getroffen gewesen sei, als man ihr im Spital ihre Zurückstufung eröffnet habe. Vorangegangen seien jedoch "zahllose Schikanen, das fortgesetzte Nicht-Befolgen von Anordnungen, Ausstreuen von falschen Gerüchten, das Sabotieren von Pierrettes Arbeit bis hin zum anonymen Telefonterror".

Missgunst und Neid auf die bei den Patienten sehr beliebte und von vielen Ärzten geschätzte Fachfrau hätten die Anti-Stimmung ihrer Mitarbeiter gegen sie zusätzlich angeheizt. Mangels Unterstützung ihrer Vorgesetzten, klarer Strukturen und verbindlicher Kompetenzenregelungen habe sie schliesslich keinen Ausweg aus dem Teufelskreis mehr gesehen. Ruth K. schloss die Todesanzeige für ihre Freundin mit den Worten: "Tief erschüttert, aber voller Verständnis nehmen wir Abschied."

Die tragische Geschichte der 43jährigen Pierrette S. ist kein Einzelfall. Allein in Deutschland, schätzen Experten, lassen sich jährlich 2000 Selbstmorde auf Mobbing zurückführen. In den Zeiten der Wirtschaftskrise sei die Bereitschaft, eine Arbeitskollegin, einen Untergebenen oder auch eine Chefin "wegzumobben" beziehungsweise aus dem Unternehmen hinauszuekeln, ungleich grösser als in den Phasen der Hochkonjunktur. Mobbing, heisst es, entwickle sich besonders schnell in einem Klima der Angst und Verunsicherung unter den Arbeitnehmern.

Wer täglich mit neuen Schreckensmeldungen von Personal- und Stellenabbau, Restrukturierung, Rationalisierung und Konzentration konfrontiert werde, reagiere sehr oft mit einem allgemeinen Abwehrreflex. Die Konkurrenz am Arbeitsplatz habe sich massiv verschärft, und trotzdem hielten sich viele bewusst ruhig; niemand wolle auffallen. Allfällige Aggressionen würden geschluckt und die weitverbreiteten Frustrationen dann am vermeintlich Schwächsten in einem Team abreagiert.

"Mobbing-Betroffene", sagt Anna Stadelmann von der Gewerkschaft VPOD, "haben häufig die Funktion eines Sündenbocks." Nach dem Prinzip "Trifft es meinen Kollegen, trifft es zumindest nicht mich", treibe der Egoismus vielenorts "erschreckende Blüten". Mangels Zivilcourage würden Kollegen und Kolleginnen damit zu stillschweigenden Zuschauern eines Mobbing-Prozesses, an dem sie zumindest eine Mitschuld treffe.

Ganz generell werde Mobbing, so Stadelmann, betriebsintern durch starre hierarchische Strukturen, unklare Zuteilung von Aufgabenbereichen oder chaotische Organisatinsabläufe begünstigt. "Mobbing", sagt die Gewerkschaftssekretärin, "ist immer ein Führungsproblem von Vorgesetzten, die ihre Verantwortung gegenüber ihren Untergebenen nicht wahrnehmen, bewusst wegschauen oder gar selber mitmobben." Arbeitsorte, an denen es zudem an geeigneten Konfliktlösungs-Strategien fehle, bildeten geradezu einen "idealen Nährboden" für Mobbing.

So erstaunt es nicht, dass der Sozialbereich und die öffentliche Verwaltung gemäss einer deutschen Studie eindeutig stärker mit Mobbing konfrontiert sind als die Privatindustrie. Während sich der Beamte und die Krankenschwester eher an Werten wie Harmonie und Eintracht orientierten, flögen in einem Privatunternehmen scheller die Fetzen, und ein Konflikt käme auf den Tisch. Je schneller das geschehe, sagen die Fachleute, um so erfolgreicher könne ein Betrieb Mobbing in seinen Reihen verhindern.

Genau das müsste eigentlich das Ziel jedes Arbeitgebers sein. "Denn niemand", sagt Peter Vonlanthen, der Geschäftsführer des Zürcher Kaufmännischen Verbandes ZKV, "kann Interesse an Mobbing haben." Mobbing sei ausschlieslich destruktiv; es fresse Zeit, Energie und Unsummen von Geld. Gemäss internationaler Schätzungen verschlingt ein Fall pro Jahr zwischen 30'000 und 100'000 Franken an direkten und indirekten Folgekosten. In Deutschland gehen den Firmen und der Volkswirtschaft bereits jährlich zweistellige Milliardenbeträge verloren; in der Schweiz wird der Fehlbetrag auf rund zwei Milliarden Franken pro Jahr geschätzt.

Dabei schlagen sowohl Krankheits-, aber auch Fluktuationskosten zu Buche. Einbussen an Produktivität, Kreativität und Leistungsfähigkeit kommen dazu. So würden Mobbing-Betroffene im ersten Jahr des Terrorisiertwerdens noch 90 Prozent ihrer ursprünglichen Leistung erbringen, im zweiten Jahr noch 70 und im dritten Jahr gerade noch die Hälfte. Nicht zu unterschätzen sind auch Folgen wie allgemeine Arbeitsunzufriedenheit, Imageschäden und negative Kundenreaktionen. Ganz zu schweigen von mitunter beträchtlichen Abfindungen oder Lohnfortzahlungen, die Mobbing-Betroffenen nach dem Ausscheiden aus der Firma zugestanden bekommen.

Etliche Unternehmen und Betriebe haben die Brisanz des Problems inzwischen erkannt. Bereits im Februar des letzten Jahres nahmen zweihundert Personen an einem Symposium des Kaufmännischen Verbands Zürich zum Thema Mobbing teil. In diesem Rahmen wurde denn auch die Idee zur Publikation des "ersten Mobbingbuchs der Schweiz" und jene zur Gründung der "Gesellschaft gegen psychosozialen Stress und Mobbing" (GpSM) geboren, die vor einem halben Jahr aus der Taufe gehoben wurde. Die GpSM widmet sich der Forschung und Prävention, aber auch der Bewältigung und Unterstützung bei Mobbing-Fällen.

Das Fachbuch "Mobbing - Verstehen - Überwinden - Vermeiden", das Mitte Juli erschienen ist, richtet sich ausdrücklich an "Führungskräfte und Personalverantwortliche". Gemäss Mitautorin Rossella Torre stehe in ihrem Leitfaden "Mobbing aus unternehmerischer Sicht, und weniger aus der Perspektive der Opfer im Zentrum".

Darüber hinaus beanspruchen immer mehr Firmen und Verwaltungen das Beratungsangebot des Kaufmännischen Verbandes Zürich und des VPOD, die über ausgewiesene Mobbing-Experten verfügen.

Einzelne Unternehmen wie die Suva oder die Winterthur Versicherung, aber auch die Stadtverwaltung Adliswil ZH haben sogar schon Vorträge für ihre Mitarbeiter organisiert, in denen über Mobbing informiert wurde. In Winterthur nahmen zweihundert Personen an diesem Anlass teil, der ausserhalb der Arbeitszeit stattfand. Artikel in der Personalzeitung dienten der weiteren Vertiefung des Themas. Publikationen in der Hauszeitschrift wurden auch bei der ABB, bei Ciba-Geigy oder bei Coop Zürich zur Sensibilisierung der Belegschaft für das delikate Phänomen eingesetzt. Daneben sind interne Ansprechpersonen beziehungsweise Anlaufstellen bekannt gemacht worden, die Mobbing-Betroffenen mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Ganz besonders bemüht um Aufklärung zum Thema Mobbing ist man bei der PTT-Telekom. Abgesehen von einer firmeninternen Fachtagung für alle Sozialarbeiter wurde bereits eine Mitarbeiter-Befragung im Raum Basel durchgeführt. Das Ergebnis: Nicht ganz fünf Prozent der Antwortenden fühlen sich von Mobbing betroffen. Der Personaldienst der PTT ist zudem Mitglied in der "Gesellschaft gegen psychosozialen Stress und Mobbing."

Andernorts ist die Sensibilität für das häufig folgenschwere Problem noch immer schwach entwickelt. Ausgerechnet bei der Schweizerischen Bankgesellschaft, der wie allen Grossbanken Stellenabbau und Restrukturierung verbunden mit einem geradezu "klassischen" Konfliktpotential ins Haus stehen, zeigt man sich desinteressiert am Thema. Mobbing sei ein Modewort, erklärt der Pressesprecher, das sich nicht fassen lasse. Bei der SBG verfahre man nach der altbewährten Methode "Seid lieb miteinander!"

Auch am Zürcher Universitätsspital, einem Arbeitsplatz, der unter Fachleuten als besonders virulenter Mobbing-Herd eingeschätzt wird, hat man dem Problem bisher noch keine Aufmerksamkeit geschenkt.

VPOD-Sekretärin Anna Stadelmann weiss aus Erfahrung, dass die SBG und das Universitätsspital keine Ausnahmen bilden. In zahlreichen Unternehmen bestehe nach wie vor eine "starke Abwehrhaltung" gegenüber dem Thema Mobbing." Vielerorts werde das Problem mit Sprüchen wie "Bei uns doch nicht" oder "Streit gibt's in der besten Familie" auf unverantwortliche Art bagatellisiert.

Doch Mobbing sei geradezu das Gegenteil von einem einmaligen Streit und dessen sofortiger Bereinigung. "Mobbing", sagt Stadelmann, "ist systematischer, langandauernder Psychoterror, der auch Elemente von körperlicher und sexueller Gewalt beinhalten kann".

In der Regel beginnt der Mobbing-Prozess schleichend, indem eine Person nicht mehr gegrüsst oder zum Pausenkaffee eingeladen wird. Das Vorenthalten von wichtigen Informationen und damit die Torpedierung ihrer Arbeit schliesst sich an. Angriffe gegen die Privatsphäre, das Aussehen oder die Religionszugehörigkeit können folgen. Die fortgesetzte Abqualifikation der geleisteten Arbeit gilt bereits als Eskalationsstufe. Tätliche Übergriffe, zum Beispiel das wiederholte Löschen eines Computer-Speichers, aber auch sexuelle Belästigungen kommen dazu. Das Ziel ist überall gleich: Das Opfer soll hinausgeekelt werden.

Die Betroffenen geraten in einen Teufelskreis von Wut, Depressivität und Hilflosigkeit. Unabhängig davon, was sie unternehmen, alles wird ihnen negativ ausgelegt. Oft reagieren sie mit körperlichen Symptomen wie Schlaflosigkeit, Kopfschmerzen oder Magen-Darmbeschwerden auf den Terror. Nicht selten wird ihnen auch der Besuch eines Psychiaters nahegelegt. Zerfressen von Selbstzweifeln zieht der eine oder die andere diesen "Vorschlag" tatsächlich ernsthaft in Erwägung.

An eine Fortsetzung des Arbeitsverhältnisses ist zu diesem Zeitpunkt bereits nicht mehr zu denken, es sei denn, der Betrieb ermögliche eine interne Versetzung. Ansonsten geht es nun nur noch um Fragen wie finanzielle Abfindung und berufliche Rehabilitierung. "Nahezu aussichtslos", so die Experten, sei es, juristisch vorzugehen. Denn der Begriff "Mobbing" sei bisher noch in keinem Rechtsfall aufgetaucht.

In besonders krassen Fällen können Mobbing-Betroffene in Alkoholismus oder Medikamentenabhängigkeit abgleiten; andere müssen psychiatrisch interniert werden. Dritte machen Selbstmord. Günther Tschanun, der Chef der Zürcher Baupolizei, ertrug das vergiftete Arbeitsklima und die gravierenden Differenzen mit Mitarbeitern nicht länger und erschoss 1986 vier von ihnen und verletzte einen fünften lebensgefährlich. Peter Vonlanthen vom KVZ nennt den Fall Tschanun die "spektakulärste Mobbing-Geschichte" der Schweiz.

Jüngst ist Vonlanthen selber, der sich gern als "Wanderprediger in Sachen Mobbing" bezeichnet, öffentlich ins Gerede gekommen. Er soll, so heisst es, einem Mitarbeiter eine Prämie angeboten haben, falls es diesem gelinge, Vonlanthens Assistentin zur Kündigung zu bewegen. Anstiftung zum Mobbing?

Vonlanthen widerspricht vehement: "Ich war seinerzeit sauer auf meine Mitarbeiterin." Aus der Wut heraus sei ihm ein unbedachter Spruch gegenüber dem erwähnten Mitarbeiter herausgerutscht. Er habe diesem auf die Frage, was passiere, wenn Vonlanthens Assistentin nicht mit ihm klarkomme und kündige, gesagt: "Dann zahl' ich dir etwas." Das sei aber keineswegs ernst gemeint gewesen. Seine Assistentin habe später sogar schriftlich erklärt, dass sie diesen Vorfall keineswegs als Mobbing empfinde. Zudem, so Vonlanthen, sei sie nach wie vor beim KVZ in alter Funktion angestellt.

* Namen geändert

Sonntags-Zeitung, 1996

1 Kommentar:

Carsten hat gesagt…

Meine Güte, warum muss Mobbing heutzutage solch ein Ausmaß annehmen? Gab es das früher noch nicht oder wurde nur nicht darüber gesprochen? Besonders Folgendes finde ich schlimm: "Mangels Unterstützung ihrer Vorgesetzten, klarer Strukturen und verbindlicher Kompetenzenregelungen habe sie schliesslich keinen Ausweg aus dem Teufelskreis mehr gesehen." Meines Wissens nach (habe ich in dem deutschen Blog gelesen), geben die Arbeitgeber Rechte und Pflichten vor, dass der Arbeitgeber, etwas gegen Mobbing unternehmen und die Mitarbeiter schützen muss. Liegt es dann daran, dass die Mitarbeiter sich nicht trauen, ihre Situation zu schildern? Wollen sie sich nicht beschämen? Oder haben sie Angst, dass das Verhältnis danach vollends hinüber ist? Ich wünsche allen, die unter Mobbing leiden, die Kraft, sich dagegen zu wehren und hoffe, dass sie die nötige Unterstützung erhalten!